Es ist ein erstes Feedback eingegangen über das Formular, das ich eingerichtet habe. Das Thema betrifft “Open Source und Cloud Computing”.
Besten Dank, das Thema trifft sich gut. Es ist ein Schwerpunktthema, das ich im Laufe der Zeit vertiefen möchte. Warum?
Cloud Computing ist zunächst ein Marketingbegriff. Böse Zungen behaupten, für Marketingzwecke sei der Begriff sensationell schlecht gewählt. Wenn schon, dann sei der Begriff “fog” eher passend. Um damit zu sagen: Der Leistungsgegenstand des Dienstleisters ist so intransparent, dass die rechtliche Fassbarkeit minimal ist.
Was ist “Cloud Computing” anderes, als was wir bisher hatten? ASP, Software as a Service, Hosting — alles schon da. Alter Wein in neuen Schläuchen?
Nicht ganz. Cloud Computing ist ein Paradigmenwechsel, der in den folgenden Kernelementen zum Ausdruck kommt:
- Servicemodell statt Lizenzmodell
- Plattform als Standard
- Geschlossenes System statt Schnittstelle
Auch wie mit dem Leistungsbeschrieb umzugehen ist, dürfte sich ändern. Cloud Computing als Servicemodell entbindet die Vertragsparteien, Releasenummern zu regeln etc. Individuelle Erweiterungen stehen quer in der Landschaft. Stattdessen wird die Dienstleistung zu beschreiben sein, wohl am ehesten anhand von funktionalen Kriterien.
Und was ist aus Sicht von Open Source Software dazu zu sagen? An dieser Stelle begnüge ich mich mit wenigen kurzen Hinweisen. Weitere sollten später mal vertieft werden:
- Servicemodell: Wenn auch in etwas anderem Zusammenhang: Open Source Software basiert seit jeher auf dem Servicemodell.
- Plattformbildung. Wenn wir “Plattform” hier nicht im Sinne der Hostinginfrastruktur des Cloud Computing Anbieters verstehen, sondern im Sinne der Standardisierung von Betriebssystemen, Serversoftware oder Frameworks, ist der Bogen geschlagen zur Frage, wie mit Open Source Software Geld verdient werden kann. Welche Komponenten sollten offengelegt werden, und welche geschlossen behalten werden? Wenn es gelingt, die offengelegten Komponenten zu einem Standard zu machen, lässt sich mit Erweiterungen Geld verdienen. Für die Erweiterungen ist das Lizenzmodells festzulegen (Stichwort “Dual Licensing”). Standardisierung ist in der Open Source Welt bekannt unter dem Stichwort “Community Building”. Die Herausforderung besteht darin, seine freigegebene Eigenleistung so zu positionieren, dass eine genügend hohe Anzahl von Anwendern und Entwicklern interessiert sind. Etwas pointiert formuliert: Community Building ist eine Managementaufgabe, die sich nicht wesentlich unterscheidet von jener, wie eine Cloud Lösung zu einem Standard gemacht werden kann, der sich kommerziell rechnet.
Kurz: Wer bereits Erfahrungen mit Open Source Software gesammelt hat, kann auf diesen aufbauen, um die Welt des Cloud Computing in Angriff zu nehmen.
2 Kommentare
So weit so gut. Zu diskutieren wären hierzu wohl auch Themen wie die AGPL (“Distribution” ist das Schlüsselwort für die Lizenzierung .. wo findet die in der “Cloud” statt?) und natürlich dann solche Geschichten wie http://www.guardian.co.uk/technology/2008/sep/29/cloud.computing.richard.stallman :)
Sehr richtig, die AGPL dürfte zu einer der wichtigsten Lizenzen werden, wenn es mit Blick auf Cloud Computing um die Frage geht, “Welche Lizenz für mein Projekt?”. Wer höchstmögliche Kontrolle über seine Open Source Software will, wird die AGPL einsetzen. Die GPL schützt den Lizenzgeber hier zu wenig. Der Einsatz von GPL-Software in einer Cloud Computing Lösung verpflichtet nicht zur Offenlegung von Erweiterungen; denn diese Form der Nutzung stellt keine “Distribution” (GPL2) oder “Conveying” (GPL3) dar. Soweit ich sehe wird das nicht in Frage gestellt. Nachdem ich im obigen Post vor allem einen Blick auf die Grundzüge von Cloud Computing geworfen habe, habe ich mir Ausführungen zur AGPL für spätere Posts aufgespart. Die AGPL wird jedenfalls noch einiges zu besprechen geben.
Zum Artikel im Guardian: Stallman legt den Finger auf die Problematik bzw. auf das Potential von Cloud Computing: Die Geschlossenheit der Plattform. Für Cloud Computing ist typisch, dass sich der Anbieter nicht in die Karten blicken lassen will (siehe oben Punkt 3 “Geschlossenheit”). Aus Sicht der Nutzer ist dies eine Problematik, aus Sicht der Anbieter ein Potential. Lock-in findet in aller Regel statt, da stimme ich Stallman zu. Ob Cloud Computing deshalb “böse” ist oder nicht, ist wieder eine andere Frage. Auf jeden Fall muss der Nutzer diesbezüglich einiges planen, insbesondere die Frage, wie der Ausstieg aussieht.
Cloud Computing dürfte sich durchsetzen, weil auch nutzerseitig eine grosse Nachfrage danach besteht. Es dürfte viele Nutzer geben, die die Flexibilität und die — neudeutsch — convenience von Cloud Computing wollen. Wer nur selten, z.B. ein- bis zweimal im Jahr erhebliche Bandbreite braucht, weil er jeweils dann seinen neuen Release veröffentlicht, kann bei den Grossen der Branche bequem Bandbreite einkaufen und so die Spitzen decken.